Die Idee zu diesem Post kam mir schon vor geraumer Zeit, als ich mich mit einem guten Freund (der in jenen Gefilden wohnt) über die Historie inklusive der kartografischen Darstellungen des betreffenden Ortes unterhielt. Die Rede ist von Caputh in allen seinen Schreibweisen bis hin zu Kapput. „Das Chicago des Schwielowsees“ wie es einst Fontane nannte ist möglicherweise nicht in dem Ausmaß bekannt, wie ich es vermute und schon gar nicht in dem Maße, in welchem die Einheimischen davon ausgehen. Bekannt ist besagter Ort unter anderem durch sein Schloss, dessen früheste Darstellung von einem Niederländer (so glaube ich) stammt und wenig rühmlich das Schloß nur im Hintergrund zeigt während im Vordergrund ein Zwergsäger (den Ornithologen wird es freuen) über die Havel dahin gleitet. Das Schloss wäre das Eine. Das Andere betrifft eine Person, die hier ein Ferienhaus besaß. Um zum Punkt zu kommen: Es war Einstein, ein Umstand, der bisweilen zu einem gewissen Personenkult führt (man vgl. etwa die Diskussionen im Wiki-Artikel zu der benannten Gemeinde). Letztendlich habe ich eine gewisse Affinität zu besagtem Ort und deshalb auch dieser Post.
Das Geplänkel ist nun vorbei.
In Dänemark – gewagter Übergang, oder? – in der königlichen Bibliothek in Kopenhagen befindet sich ein Atlas. Selbstredend ist jedem klar, dass es sich dabei nicht um einen gewöhnlichen Atlas handelt. Es ist ein Manuskriptatlas und zwar jener Friederichs V. Wie dieser Atlas von 400 Blättern auf die stattliche Anzahl von über 3000 anwuchs kann man
hier erfahren. Und in Band 32, S. 18 befindet sich eine Karte, die das Gelobte Land (tschuldigung, von Zeit zu Zeit vergesse ich mich), die Mittelmark zeigt.
Zu den Daten: Marchia Media. Vulgo Mittel Marck in March: Brandenb.; Prostant Amstelaedami Petrum Schenk et Gerardum Valck. C. Priv.
Der Maßstab beträgt ca. 1: 515.000, die Karte misst 40 x 50,5 cm und ist (jetzt wird es etwas ungenau, da die korrekte Datierung der zahlreichen undatierten Karten besonders des 18. Jh. ein Problem ist) wahrscheinlich (glaubt man den Kartenanbietern im Netz, denen man vertrauen kann) zwischen 1700 und 1716 entstanden.
Bevor wir uns den Besonderheiten eben jener Karte widmen, schauen wir erst einmal wie sie entstand.
Damals (wie heute – wenn auch in veränderter Form – teilweise auch noch) war es am einfachsten die Daten anderer zu übernehmen und unter dem eigenen Namen herauszubringen. Ob man die Karten anderer kopierte oder einfach die Platten erwarb hing ganz von den Möglichkeiten und (günstigen) Gelegenheiten ab. Jedenfalls beruht die Karte der Mittelmark von Schenk (Peter Schenk I um genau zu sein – es gab drei Herren gleichen Namens) auf jener aus dem Jahre 1647 von Johannes Janssonius. Dieser nun ist etwas bekannter und wohl auch etwas erfolgreicher als o. g. Schenk und Valck zusammen. Noch bekannter ist hingegen die Familie Blaeu, die ebenfalls eine Karte der Mittelmark veröffentlichte, dies jedoch erst 1662 (eben genannte liegt mir leider nicht vor – digital meine ich – hab schließlich (noch) nicht im Lotto gewonnen). Wie auch Janssonius griff Blaeu auf die gleiche Grundlage zurück, nämlich eine nicht näher bestimmbare Kopie, vielleicht auch ein Original eines gewissen Olof Hansson Svart (ja, es geht wieder in den Norden). Anders Bure (natürlich kein deutscher Wiki- Artikel, wie könnte es anders sein) Großmeister der Schwedischen Kartografie und Lehrer von besagtem Svart brachte dessen Brandenburgkarte wohl um 1640 nach Amsterdam, wo 1641 bei Janssonius erst eine Karte gesamt Brandenburgs entstand, ab 1647 dann drei Karten einzelner Gebiete. Die Frage, wie der Schwede Svart nun dazu kam eine Brandenburgkarte zu zeichnen ist schnell geklärt. Bekanntermaßen befanden sich ab 1630 „einige“ Schweden in der Mark, zu jenen auch Savrt gehörte. Und da es ein Unding war, sich mit größeren Truppenverbänden in einem Land zu bewegen, von dem keine auch nur annähernd brauchbare Karte existierte, war es an dem Ingenieur Savrt Abhilfe zu schaffen, was er dann auch tat.
Soweit zur (in Teilen) etwas kläglichen Frühgeschichte der Kartografie der Mark und zurück zur Schenkschen/Valckschen Karte. Die Karte von Janssonius wurde von Schenk (der die Platte besessen haben muß) übernommen, einzig die Wappenkartusche oben rechts wurde „gelehrt“ und die Helmzier beseitigt, um darüber die Verlegeradresse anbringen zu können (bei Janssonius war die Karte dem brandenburgischen Geheimen Rath und Kanzler des Herzogthums Cleve, Daniel Weimann gewidmet).
Ein Wort noch vorneweg, bevor jemand zur Verzweiflung getrieben wird: Beide Karten sind geostet!
Es sind die handschriftlichen Ergänzungen/Änderungen, die die Karte im Atlas interessant machen. Wenn auch Svart eine recht hohe Genauigkeit erreichte, so war es nur natürlich, dass sich trotzdem Fehler einschlichen, bzw. dass einige Angaben fehlten, die für den militärischen Gebrauch nicht von Nutzen waren, wie etwa die Namen einzelner Orte, Seen, Gebiete oder deren Schreibweisen. Ebenso klar auch der Umstand, dass diese Fehler in der Folgezeit nicht beseitig wurden, denn die Kartographie war in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts besonders in Amsterdam ein knallhartes (bitte, darf ich das schreiben?) Business, bei dem man sich nicht mit Marginalien, wie Genauigkeit aufhalten konnte. Dies erledigte jene unbekannte Hand, die u. a. wusste (ACHTUNG, jetzt kommen wir zum Wesentlichen): Es heißt nicht Saramand, sondern Sa(a)rmund, dieser komische Fluß durch Potzsten, das natürlich Potsdamm heißt ist die Notte (damals hieß sie eben so), irgendwo über Grunewald liegt Charlottenburg, ein ganzes Stück weiter gibt (oder vielmehr gab) es ein nicht unbedeutendes Kloster namens Lehnin (gleiches gilt für Chorin), dieser andere See heißt Miggel-See und es heißt nicht Köpenil, sondern Köpenik. Und auch der See, an dem ich viele (das Adjektiv schenk ich mir jetzt mal) Jahre verbrachte nennt sich Straussee. Viele weitere Berichtigungen könnte man noch aufzählen auch die Richtigstellung einzelner Stadtsignaturen aber belassen wir es dabei. Belassen? Nein, keineswegs! Denn es gibt noch die eine Korrektur, die keine ist, weil sie gerade an jener Stelle nicht zutrifft. Gemeint ist (Trommelwirbel) Caputh oder wie es in jenem Fall heißt: Kapput und das gehört nun beileibe auf die andere Havelseite wo jenes „Dorp“ – aus unerfindlichen Gründen noch fast hundert Jahre länger als Dorp und nicht als Caputh – eingetragen ist.
Aber egal, so befindet sich in der königlich-dänischen Bibliothek die wohl genaueste Karte der Mittelmark. Warum Caputh Dorp genannt wird, ist mir immer noch ein Rätsel, vielleicht reichte es Svart zu wissen, das sich hier eine Siedlung befand, der Name war nicht weiter von Belang und so pflanzte sich dieser Fehler von Karte zu Karte – fussend auf dem gleichen Ausgangsmaterial – fort. Hier noch die entsprechenden Links zum
Atlas und zu dieser Seite, speziell zu den brillanten Ausführungen
Scharfes, ohne die dieser Post nie geschrieben worden wäre.
